Thema: Drumherum

Lieber Weihnachtsmann, ich wünsche mir ...

Skoda Popular Sport von 1939Die IAA ist zuende, jetzt beginnt das große Aufräumen und Auswerten, und ich übergebe das Steuer wieder an Thomas, der sich mit dem nötigen Ernst der Nachlese widmen wird. Vielen Dank für die schönen Tage auf der Messe, ich war wirklich gerne hier. Ich muß zugeben, daß ich schon immer sehr gerne Auto gefahren bin, mich für die Details aber nie sonderlich interessiert habe und für Design nur sehr sehr selten begeistern konnte (sieht man mal von nostalgischen Ausfällen angesichts einiger Oldtimer ab). In meiner Welt mußten Autos bislang nur von A nach B fahren können und das möglichst nicht zu langsam und ohne unterwegs unaufgefordert stehenzubleiben. Ach ja, ein Navigationssystem sollte vorhanden sein, weil die Strecke von A nach B mit mir am Steuer sonst unweigerlich über C, D und noch viel mehr führen würde, aber alles andere fiel in die Kategorie Schnickschnack.

Doch die IAA, die drei Tage, während derer ich dem wirklich wunderschönen, matt silbernen Z4 Coupé gegenüber saß und die Eleganz eines Aston Martin Vanquish bewundern konnte, die drei Tagen voller Staunen darüber, was Autos heutzutage alles können im Vergleich zu meiner 12 Jahre alten Kutsche haben Begehrlichkeiten geweckt. Und wenn selbst mir das so geht, möchte ich mir gar nicht vorstellen, was die IAA in den Köpfen echter Autoverrückter anrichten kann.

Aston Martin Vanquish

Ich möchte jetzt auch ein Auto mit eleganten Kurven und einer rubinschwarzen Lackierung, die in einem bestimmten Licht plötzlich dunkelrot wird (und so gut zum Lieblingsnagellack passen würde) oder in Astroschwarz mit Glitzerpartikeln, die wie winzige Sterne aussehen. Und ich möchte ein Gefährt mit „night vision“, das mir nachts Infrarot-Bilder meiner Umgebung auf einen kleinen Bildschirm liefert, damit ich nicht mehr so angestrengt in die Dunkelheit starren muß, wenn ich auf dem Rückweg von Freunden im Alten Land bin und fürchten muß, jeden Moment ein Reh oder einen alten Bauern zu überfahren. Am besten gleich mit einer dieser Frontscheiben dazu, in der alle relevanten Fahrdaten in der Scheibe selbst dargestellt werden.

Und runflat Reifen natürlich, die auch im drucklosen Zustand noch eine gewisse Strecke bewältigen können, damit ich nie wieder kurz vor Basel im strömenden Regen ein bis unters Dach vollgepacktes Auto ausräumen muß, um an den Ersatzreifen zu kommen. (Ich bin allerdings dankbar, wenn ich den dazugehörigen Werbespot nach etwa 30 Wiederholungen in den letzten drei Tagen nie wieder sehen muß. Im Spot läuft ein Jogger durch den Wald und tritt in einen langen Nagel, der dann dekorativ oben aus dem Fuß ragt. Er zieht den Fuß mit einem satten Schmatzer wieder vom Nagel – das Publikum in der Halle stöhnt gequält auf – und läuft unbeirrt weiter. Ich bin jetzt relativ abgehärtet, möchte aber in absehbarer Zeit lieber nicht laufen gehen.)

Das neue Auto darf natürlich auch gerne einen personalisierten Schlüssel haben, damit es gleich weiß, daß ich jetzt einsteige, den Sitz entsprechend einstellt und meinen Lieblingsradiosender sucht. Damit ich künftig nicht mehr das Oldie-Gedudel höre, nachdem mein bester Freund gefahren ist oder den Sitz direkt unterm Lenkrad wiederfinde, nachdem meine etwas kurzgeratene Mutter im Auto saß. Nur die Aktivlenkung, die will ich nicht haben. Das Prinzip finde ich zwar ganz großartig, doch ich fühle mich vom dazugehörigen Slogan ein wenig beleidigt: „Steering – now with a brain.“ Ja was glaubt Ihr denn, wie ich bislang gefahren bin?

Eine schöne Frau kann nichts entstellen

Ich muß ein Versprechen einlösen und ein Wort zu den Hostessen verlieren. Ja, die Hostessen auf der IAA sind schön, manchmal sogar wunderschön (generell gilt, je teurer das Auto desto schöner die Präsentatorinnen) und im Verhältnis zum Rest der Bevölkerung überproportional blond. Oft sogar sehr blond. Brünette sind deutlich in der Minderheit. Aber was man den Damen und Herren an Bekleidung zumutet ist wirklich nicht immer schön.

Hostess mit TouaregBei den großen deutschen Automobilherstellern dominieren Nadelstreifenanzüge und Halstüchlein, bzw. Krawatten. Der Business-Stil ist Balsam für die Augen. Auswärtige Hersteller sehr teurer Sportwagen bevorzugen dekolletierte Abendkleider aus fließenden, glänzenden Stoffen. Ebenfalls ansprechend. Bei schwerem Gerät wie etwa dem Touareg will man Abenteuerflair versprühen und steckt die Hostessen in manchmal abenteuerlich legere, prinzipiell sandfarbene Freizeitkleidung, wie man sie sonst fast nur an deutschen Touristen in Afrika sieht. Leider hatte man dem Schuhlieferanten nichts vom Safari-Motto gesagt und deshalb die üblichen schwarzen Pumps bekommen. Urbaner Chic bei Mini und Smart mit Jeans, Turnschuhen und T-Shirt, Karohemdenpragmatismus bei Skoda und im Hause Mazda hat man sich für etwas entschieden, das verdächtig nach sportiver Freizeitkleidung für Ruhrgebietseingeborene aussieht. Dazwischen immer wieder tendenziell schwierige Farben wie lindgrün oder knallorange und Kleider aus ungewöhnlichen Stoffen. Aus Kreditkarten z.B., was Umstehende zu jeder Menge zweifelhafter Witze inspiriert.
Und heute, wenn man genau hinsieht, überall kaputte, gepflasterte Füße und tiefe Augenringe.

Kreditkartenkleidchen

Belauscht 2

Am Nachmittag, höchster Füllstand auf der Messe, steht ein Fernsehteam in ungefähr achter Reihe vor einem der zahlreichen Traumautos. Die Zubehörträger sind genervt, der Aufnahmeleiter den Tränen nahe: „Das geht so nicht, verdammt, ich brauche freie Sicht auf die Exponate. Wir sind vom Fernsehen.“ Höhnisches Gelächter aus dem Publikum.

Take me home, country roads

Zu den skurrileren Ständen auf der Messe gehört der LKW von Truckradio. Während nebenan Smart die junge, trendige Käuferschicht in einem Partytunnel mit sehr lauten Beats beschallt und auch sonst fast überall nur elektronische Musik die Präsentationen untermalt, setzt man hier auf Rock und jede Menge Country. Die Hostessen tragen Jeans und rote Cowboyhüte und in regelmäßigen Abständen packt ein junger Mann mit Dauerwelle seine Gitarre aus und singt mit Schmelz in der Stimme vom einsamen Leben der Cowboys und gegen die treibenden Beats von Smart an. Vergeblich, die Zielgruppe ist wohl grad irgendwo auf deutschen Autobahnen unterwegs und leider nicht auf der IAA.

Truckradio

Publikumsverkehr

Am Wochenende ist es deutlich voller auf der Messe als noch am Freitag. Das hat mich etwas überrascht, denn auf der Buchmesse ist es völlig wochentagsunabhängig immer viel zu voll. Und selbst gut gefüllt ist der Bummel über die IAA entspannter als der über die Buchmesse, weil auf der IAA die kleinen älteren Damen fehlen, die sich ohne Rücksicht auf Verluste mit Hilfe gemeingefährlicher Rollköfferchen den Weg durch die Massen bahnen. Am angenehmsten ist es hier am Morgen, kurz nach Öffnung der Messe. Die Messe füllt sich nur sehr langsam, draußen ist es angenehm kühl, in den Hallen gibt es ausreichend Sauerstoff sowie freie Sicht auf die ausgestellten Autos und die Hostessen haben noch Energie für ein freundliches Lächeln.

FelgenWirklich voll ist es morgens nur in der Tuning-Halle, wo das Publikum häufig ebenso viel Wert auf das Tuning des eigenen Körpers legt wie auf die vielfältige Optimierung der Maschinen. Vor dem Stand mit den Monsterfelgen diskutieren diverse junge Männer mit hochgezüchteten Oberkörpern, aufgepumptem Bizeps, der fast das enge Leibchen sprengt und bis in die blondierten Spitzen gegelten Haaren. Form und Festigkeit der knapp bekleideten weiblichen Begleitung legt den Verdacht nahe, daß auch hier ein klitzekleines bißchen nachgeholfen wurde.

Hier fühle ich mich sofort sonderbar heimisch, denn eine Jugend nur wenige Kilometer von D&W mit seinen Pappaufsteller-Girls entfernt läßt sich nicht einfach so abschütteln. Wer in einer Stadt aufgewachsen ist, in der auch Menschen mit Opel-Logo um die Nippel und Irmscher-Tattoo über dem Steiß leben, läßt sich von einem extra Satz verchromter Auspuffrohre nicht aus der Ruhe bringen.

Beliebt sind hier auch Kleidungsstücke, die man im Internet unter der Rubrik „lustige Motto-Shirts“ findet. Mein Favorit bislang ist ein schwarzes T-Shirt mit der geschmackvollen Aufschrift „F.B.I. – Female Body Investigator“, getragen von einem dürren Teenager, der seinen ersten Kuß noch vor sich haben dürfte. Dicht gefolgt allerdings von einem korpulenten Mittdreißiger, dessen breite Brust ein MasterCard-Logo zierte mit dem selbstironischen Text „MisterHard“.

Ansonsten sieht man am Wochenende viele Familien, häufig in Klischeebesetzung. Vater und Sohn pilgern mit glänzenden Augen von Auto zu Auto, die Tochter trottet genervt hinterher und Mutter packt mittags in der Sonne das gesunde Lunchpaket aus und verteilt Nudelsalat auf Plastiktellern. Erwachsene haben es heute nicht leicht auf der Messe, denn der Wunsch nach Pins und sonstigen Goodies wird von den bedrängten Hostessen am liebsten dem niedlichen Nachwuchs erfüllt. Kinder eignen sich aber auch hervorragend als Lastesel, denn kleine Jungs schleppen die großen Taschen ihres Lieblingsautomobilherstellers nicht nur freiwillig, sondern sogar mit Stolz.

Vorsicht ist geboten, wenn sich die gestresste Ehefrau in die Begutachtung des grazilen Sportwagens einmischt. Richtig gefährlich wird es, wenn sie mit einem kritischen Blick den Kofferraum öffnet. Vernichtendstes Urteil des Vormittags: „Da geht ja nicht mal ein Kasten Wasser plus Einkaufstüten rein. Das wäre dir auch aufgefallen, würdest du mal einkaufen gehen.“

Belauscht

Gerade eben beim Bestaunen des Maybachs zufällig das Gespräch des neben mir stehenden schwulen Pärchens belauscht: „Hach, guck mal, der Kofferraum geht auf Knopfdruck zu, das finde ich ganz fantastisch. Ich breche mir sonst immer die Fingernägel am Kofferraum ab und dann schimpft die Maniküre-Tina wieder so.“ Noch ein Verkaufsargument, auf das ich so nicht gekommen wäre. Die IAA ist ungemein lehrreich.

Reisen bildet

Bereits die Anreise per Zug nach Frankfurt erwies sich als lehrreich. Neben mir saß ein freundlicher Mann, der auf dem ersten Teilstück einen riesigen Laptop vor sich hatte und so ernsthaft arbeitete, daß ich vor Scham fast den Krimi weg- und statt dessen meinen Laptop ausgepackt hätte. Das wäre z.B. eine gute Gelegenheit gewesen, die zwei Kilo IAA-Literatur zu verdauen, die mir meine Mutter aus sämtlichen deutschen Tages- und Wochenzeitungen zusammengesammelt und mit den Worten „lies das und blamier uns nicht“ in die Hand gedrückt hatte. Aber natürlich war das schlechte Gewissen nur von kurzer Dauer und der Krimi grad an einem entscheidenden Wendepunkt.

Auf dem nächsten Teilstück war der nette Herr dann fertig mit der Arbeit und erzählte von den hübschen jungen Damen, die morgens auf der Strecke IrgendwasimSüden – Köln noch vor Frankfurt durch den Zug gelaufen sind und wildfremde Menschen nach ihrem Reiseziel gefragt haben. Wer „Frankfurt“ antwortete, wurde sofort nachdrücklich auf die IAA hingewiesen, bekam ein umfangreiches Infopaket über den Honda Civic in die Hand gedrückt und wurde instruiert, doch unbedingt den ganz großartigen Messestand zu besuchen. Über den Erfolg dieser Marketingmaßnahme ist leider nichts bekannt.

Außerdem, auch das habe ich nur dank meines Sitznachbarn gelernt, hat irgendein TV-Sender einen Versuch durchgeführt, bei dem männlichen Interessenten Autos präsentiert wurden. Die umfangreichen technischen Details wurden von gutaussehenden Hostessen erläutert. Als man die Männer im Anschluß nach den Spezifikationen der Gefährte befragte, zeigten sie sich ähnlich ahnungslos wie ich viele Jahre im Mathematikunterricht. Wurde allerdings nach den Spezifikationen der Hostessen gefragt, konnte die Teilnehmer kenntnisreich über Bekleidung, Figur, Haar- und Augenfarbe der Damen referieren.

Ich werde dem natürlich nachgehen. In Freizeitkleidung sind die Hosts (Fachbegriff für männliche Hostessen, auch eben erst gelernt) und Hostessen zumindest außerordentlich augenschmeichelnd und ziemlich amüsierwillig, wie ich gestern abend feststellen konnte. An Details kann ich mich leider nicht erinnern, bloggen dürfte ich sie ohnehin nicht.

Und jetzt auf ins Getümmel, endlich mal was über Autos lernen. Wenn Ihr übrigens in den nächsten Tagen auf der IAA seid, dann guckt doch mal im BMW-Messehaus vorbei. Links oben auf der Tribüne steht ein kleiner Schreibtisch unter einem „Blogger“-Schild. Wenn dort zufällig eine schwarzhaarige Frau hinter einem Laptop sitzt und auf den neuen Z4 starrt anstatt zu tippen, dann sagt doch kurz Hallo zu ihr.

 

Über das Blog

gigold Thomas Gigold liebt Autos und bloggt hier - wie schon 2005 - direkt von der IAA über die neusten Trends, Modelle und Überraschungen.

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